{MAMA-LEBEN} ― „Schrei' doch nicht so laut, Mama.‟

 

Ich habe meinen Räuber zuletzt am Samstag angeschrien. Es war spät; er war müde und ich war es auch; ich hatte Kopfschmerzen. Wir haben ein Hörspiel gehört, uns ins Bett gekuschelt; der Tag war vorbei; ich freute mich auf den Schlaf. Aber mein Kind konnte (oder wollte) nicht einschlafen. Als das Hörspiel zu Ende war, hüpfte es im Bett herum, auf mir herum. Zerrte an mir, krabbelte über mich drüber.

Ich bat meinen Jungen, damit aufzuhören, mich in Ruhe zu lassen. Ich erklärte, dass ich müde sei, dass mir der Kopf weh tun würde, dass ich mir Ruhe wünsche. Er ignorierte es. Ich bat nochmal und nochmal. Er überhörte es weiter. Mein Ton wurde bestimmter. — Ich sagte mit abgehackter Stimme, dass ich wütend werde; dass ich gern mit ihm einschlafen möchte, aber es so nicht kann. Ob er vielleicht lieber ohne mich schlafen möchte. (Nein, es war keine Wenn-Dann-Drohung, sondern eine ernst gemeinte Frage. Kann ja sein, dass ich ihn ablenke.) Wieder keine Antwort. Nur weiteres Ignorieren und weiteres Hüpfen. Und dann lachte er auch noch über mich. Ist das zu glauben?

Dann wurde ich laut und schrie, dass ich hier gleich ausflippe, dass mich das ankotzt und ich auf diesen Mist keinen Bock habe. Ich sprang aus dem Bett und spürte, wie ich noch mehr die Fassung zu verlieren drohte. Also schloss ich mich kurzerhand zum Schutze aller ins Bad ein und atmete tief erstmal tief durch.

Wenn Konflikte eskalieren

Es ist immer wieder ein seltsames Gefühl. Unkontrolliert und unfassbar laut bahnt sich meine Stimme ihren Weg nach draußen. Sie klingt anders, nicht mehr nach mir. Irgendwie fremd füllt sie den ganzen Raum aus, scheint von überall herzukommen und doch weiß ich ganz genau, dass sie von mir kommt. Nach dem Schreien fühle mich leer und erschöpft. Beschmutzt von mir selbst. Und kein Stück besser.

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Wie Du aus der Entwicklung deines Kindes weißt — und wie Du auch in diesem Beitrag noch einmal nachlesen kannst —, kann dein emotionales Gehirn dein kognitives Gehirn abschalten. Wut, Frustration und Hilflosigkeit brechen die Dämme der Vernunft und Selbstbeherrschung. Emotional Flooding nennen Experten einen solchen Zustand. Während einer emotionalen Flutwelle ist dein präfrontale Cortex, der wichtigste Teil deines kognitiven Gehirns, mit dessen Hilfe Du aggressive Impulse beherrschen, dich für eine längere Zeit auf eine Sache konzentrieren, die Zukunft planen sowie moralische und emphatische Entscheidungen treffen kannst, nicht funktionsfähig; Du reagierst instinktiv.

Bin ich wirklich ich, wenn ich schreie

In einem Interview antwortete der dänische Familientherapeut und Bestseller-Autor Jesper Juul auf die Frage, ob man sein Kind anschreien darf: „Ja. Darf man. Man darf ganz allgemein Mensch sein.“ Bin ich also authentisch, bin ich einfach Mensch, wenn ich meinen Räuber anschreie? — Ja, ich bin (auch nur ein) Mensch in diesem Augenblick und ich akzeptiere diesen Teil von mir. Aber nur weil es menschlich ist, ist es nicht automatisch richtig. Und außerdem mag ich den Menschen nicht, der ich authentisch bin, wenn ich meinen Sohn anschreie.

Schreien hinterlässt Spuren

Eine frühere Kollegin aus dem Kindergarten sagte mal zu mir, Schreien könnte manchmal hilfreich sein, um eine Situation aufzulösen. Manchmal seien Kinder in Verhaltensschleifen gefangen, wie eine Schallplatte, die springt. Durch das Schreien und die damit einhergehende Wut könnten sie diesen Kreislauf durchbrechen und quasi einen neuen Anfang finden. Klingt doch gar nicht so schlimm, oder?

Forscher der Universität Pittsburgh sehen das jedoch ganz anders: In einer umfangreichen Langzeitstudie über zwei Jahre mit rund tausend Familien gingen sie der Frage nach, wie sich „verbale Disziplinierungsmaßnahmen“ auf Kinder auswirkten. Sie kamen zu dem Schluss, dass Kinder, die verbale Gewalt erleiden mussten, verstärkt depressive Störungen und Verhaltensprobleme entwickelten. Oft tragen die Kinder emotionale Schäden bis in ihre eigenen Beziehungen und haben Probleme damit, stabile Partnerschaften zu führen und Vertrauen zu fassen.

Ich will nicht, dass du mein Blitzableiter sein musst

Ich kann es mir schön reden und mir sagen, dass es mir ja nur ganz selten passiert, dass ich mein Kind anschreie. Aber wie ich es auch drehe und wende: Einmal ist einmal zu viel. Es verletzt nicht nur mein Kind, sondern immer auch mich selbst. — In diesem Beitrag schreibt Katja Seide auf ihrem Blog GEWÜNSCHTESTES WUNSCHKIND: „Die Ursache jedes Wutanfalls — sei es der eines Kleinkindes, eines Schulkindes oder auch eines Erwachsenen — ist ein Bedürfnis, das nicht erfüllt ist." Aus dieser einfachen wie genialen Erkenntnis ergeben sich zwei Konsequenzen: 

  • Wenn ich mein Kind anschreie, mache ich es zu meinem Blitzableiter. Es ist nicht mein Kind, das mich wütend macht, sondern es ist der Rest meines Lebens. Mein Kind ist nur der Auslöser, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, nicht aber die Ursache.

  • Damit kann Wut unglaublich wertvoll sein, denn sie zeigt dir, dass Du die Grenze deines Gegenübers nicht wahrgenommen hast. Und sie zeigt dir auch, dass Du deine eigenen Grenzen nicht beachtet hast.

Es ist also nicht nur so, dass das Schreien langfristige Folgen für dein Kind haben kann. Es ist darüber hinaus auch so, dass dir dein Schreien nichts bringt. Es hilft dir nicht, deine Bedürfnisse zu befriedigen. Eigentlich macht es alles nur noch schlimmer. Denn es geht mir schlecht damit und meinem Kind auch.

„Auch Quellen und Brunnen versiegen,
wenn man oft und viel aus ihnen schöpft.‟

— Demosthenes

Das Internet ist voll mit vielen Alternativen zum Schreien: Singen, über die Absurdität der Situation lachen, ganz tief ein- und ausatmen, innerlich bis Zehn zählen (oder bis 100, wenn es notwendig erscheint), die eigenen Gefühle aussprechen, die Perspektive ändern oder den Raum verlassen, um die Situation zu unterbrechen. — Im Akutfall mag das zumindest erst einmal dazu führen, dass Du dein Kind nicht anbrüllst. Trotzdem bleibt es nur eine Symptombekämpfung an der Oberfläche, denn Du gehst nicht an die Wurzel, an die Ursache deines Schreiens.

„Was aus uns schreit, wenn wir unsere Kinder anschreien, ist nicht die ,schlechte Mutter’ in uns. Es sind unsere eigenen, unbefriedigten Bedürfnisse, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Sie wählen diesen schmerzlichen Weg, da ihnen alle anderen bisher verwehrt wurden. Es bricht schier aus uns heraus. (…) Was es braucht, um den Teufelskreis zu durchbrechen, ist Achtsamkeit. Achtsamkeit für uns und unsere eigenen Bedürfnisse. (…) Bekommen unsere Bedürfnisse diese Beachtung nicht, so ist nach dem Schreien oftmals vor dem Schreien. Und unsere Kinder werden einmal mehr Opfer des mangelnden Verantwortungsbewusstseins für unsere eigenen Bedürfnisse.”, sagt Isabel Huttarsch, die Frau hinter MAMAPSYCHOLOGIE.

Das zu verstehen und zu erkennen, kann unheimlich weh tun. Aber es kann auch unheimlich motivierend sein, genau jetzt die Verantwortung dafür und für dich zu übernehmen. — Wie geht es dir also gerade? Was brauchst Du, jetzt in diesem Moment und langfristig? Was tut dir gut, was hilft dir, dich entspannen zu können? Woran mangelt es dir? Was trägt dich, was bereichert dich? Was fühlt sich gut an für dich, wann fühlst Du dich richtig wohl? Was möchtest Du verändern? Auch deine Bedürfnisse brauchen Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung. Und zwar bevor der „Bedürfnisnotstand‟ in dir ausgerufen wird. Es ist nicht immer leicht, das zu bekommen, was Du wünschst, aber es lohnt sich dafür zu kämpfen. Denn Du kannst nur dann aus vollen Herzen geben, wenn da auch etwas ist, woraus Du schöpfen kannst.

 

Habe ich dich neugierig gemacht, hast Du Fragen oder Anregungen? Sagt dir dein Bauch, dass ich genau die richtige Fotografin für dich sein könnte oder einfach genau die Mama, mit der Du mal einen Kaffee trinken möchtest? Dann freue ich mich riesig auf deine Nachricht über das Kontaktformular, per Mail an hallo@allesbeginntmitdir.de sowie via WhatsApp und Telegram oder ― ganz altmodisch ― übers Telefon unter 0151 65105246.

 
Mama-LebenKarolin Rögner