{MAMA-LEBEN} ― Bedürfnisorientiert? Das ist doch das, wo die Kinder machen können, was sie wollen?

 

Vielleicht hast Du schon von dem Film „Elternschule“ gehört, der seit 11. Oktober 2018 in deutschen Kinos läuft und für sehr viel Wirbel gesorgt hat. Er dokumentiert den Alltag in der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik in der Kinder- und Jugendklinik in Gelsenkirchen. Im Zuge der Kritik, die sowohl am Film an sich, aber auch an den umstrittenen Behandlungsmethoden auf dieser Station laut wurde, wurde auch die Frage diskutiert, was ist eigentlich „gute Erziehung“?

Und es wurden viele Begriffe durcheinander geworden: Eltern hätten verlernt, was es heißt, Kindern auch Grenzen zu setzen. Stattdessen würden sie nur die Bedürfnisse der Kinder im Blick behalten und ihren Kindern damit keine Struktur mehr geben. — Ist das so? Bedeutet bedürfnisorientiert als Familie zu leben tatsächlich, dass Kinder machen können, was ihnen gefällt?

Über unterschiedliche Erziehungsstile und
warum eine bedürfnisorientierte Haltung kein Erziehungsstil ist

Was ist überhaupt Erziehung? In diesem Eintrag des Online-Lexikons für Psychologie und Pädagogik wird Erziehung definiert als „soziales Handeln, welches bestimmte Lernprozesse bewusst und absichtlich herbeiführen und unterstützen will, um relativ dauerhafte Veränderungen des Verhaltens, die bestimmten Erziehungszielen entsprechen, zu erreichen.“ Dabei sollen die als wertvoll beurteilten Bestandteile der Persönlichkeit erhalten bzw. verbessert und die als schlecht beurteilten Dispositionen verhütet werden.

Erziehung ist also direkte Einflussnahme, Formung und verfolgt immer ein Ziel; sie möchte etwas bewirken. Und sie ist an eine Hierarchie gebunden: Der Erzieher stellt sich über das Kind, macht es zum Objekt der Erziehung und meint, er wüsste es besser. Er hat ein Bild davon, wie das Kind sein soll, und versucht es — mit Hilfe erzieherischer Maßnahmen — dorthin zu bringen. Nicht wenige beschreiben dies als Gewalt. Denn es stellt sich die Frage: Musst Du dein Kin erziehen, damit aus ihm „etwas“ wird? Oder ist dein Kind schon jemand?

Nach dem vielleicht bekanntesten Klassifikationsschema zur Unterscheidung von Erziehungsstilen, dem so genannten Zwei-Faktoren-Modell der Psychologin Diana Baumrind, ergeben sich — je nach dem wie fordernd und kontrollierend auf der einen Seite und wie akzeptierend, sensibel und kindzentriert auf der anderen Seite die Eltern sind — vier prototypische Erziehungsstile: Das autoritäre, das permissive, das vernachlässigende und das autoritative Erziehungsverhalten.

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Zwar basiert der autoritative bzw. demokratische Erziehungsstil auf einer emotional warmen Beziehung, in der die Eltern für die Bedürfnisse des Kindes offen sind und die individuellen Interessen und Entwicklungsvoraussetzungen berücksichtigen, dennoch werden hier auch starre Regeln von Seiten der Eltern aufgestellt, die konsequent durchgesetzt werden. Und damit bleibt es absichtsvoll und zielgerichtet. Erziehung eben.

„Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen,
sie machen uns sowieso alles nach.“

— Karl Valentin

Eine bedürfnisorientierte Haltung „funktioniert“ nicht. Denn in einem bedürfnisorientierten Familienleben geht es nicht darum, dass Kind durch ein liebevolles Miteinander zu einem guten, glücklichen Erwachsenen zu machen. Es ist nicht auf ein Ziel ausgerichtet, das in einer Zukunft liegt, von der keiner weiß, wie sie aussehen wird. Es dreht sich um den Menschen. In diesem Augenblick. Genau jetzt.

„Beim Verzicht auf Erziehung geht es nicht darum, das Kind sich selbst zu überlassen, sondern dem Kind Raum zu lassen, zu sein. Es geht darum, das Kind nicht in eine Richtung zu ziehen. (…) Es geht um ein gleichwürdiges Miteinander. Um das Zutrauen und Eingestehen von Kompetenz. Und um Vertrauen. Es geht um ein Menschenbild, das vom Guten ausgeht. Es geht um bedingungslose Liebe. Es geht um Respekt. Es geht ums Vorleben. Um Authentizität. Es geht um Verantwortung. Und um Begleitung. Es geht darum, dass wir Erwachsene kein Recht haben, Kinder für uns passend zu machen.“, schreibt Beraterin und Online-Coach Aida S. de Rodriguez in diesem Beitrag auf ihrem Blog ELTERNMORPHOSE.

Von Grenzen und Verantwortung

Ich habe für mich das Wort Grenze im Leben mit meinem Sohn abgeschafft. Es bringt mich in meiner Beziehung mit ihm nicht weiter. Grenzen sind starr, sie dürfen nicht überwunden und müssen verteidigt werden; sie trennen. — Kinder brauchen keine Erwachsenen, die ihnen (künstliche) Grenzen setzen, sondern sie brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen. Verantwortung für das Kind, für sich selbst, für die Welt, die sie umgibt.

Mein Sohn hatte schon früh ein großes Interesse an meiner Kamera. Sie hat viel Geld gekostet und ich brauche sie, um meinen Beruf, den ich sehr liebe, ausüben zu können. Eine ganze Zeit war meine Kamera für meinen Räuber ein Tabu. Aber nicht, weil „Du musst auch einfach mal lernen, dass manche Dinge nichts für Kinderhände sind.“ oder weil „Dafür bist Du noch zu klein. Das kannst Du eh nicht bedienen.“ Nein, ich wollte sie ihm einfach nicht geben, weil sie mir so wichtig ist und mir das Risiko, er könnte sie mit seinen anderthalb Jahren fallen lassen, zu groß war. Ich trage die Verantwortung für mich und das, was mir etwas bedeutet. — Ich mag auch nicht, wenn mein Junge mich haut. Aber nicht, weil „Was soll nur aus dir werden? Ein Gewalttäter? Du musst einfach auch mal verstehen, dass das so nicht geht. Was sollen denn die Leute denken?“ Nein, ich mag nicht gehauen werden, weil es mir weh tut. Jetzt gerade, in diesem Moment.

In diesem Zusammenhang wird auch klar, dass sich ein bedürfnisorientierter Familienalltag nicht nur um die Wünsche der Kinder dreht und die Eltern hinten anstehen. Vielmehr kommt es darauf an, die Bedürfnisse hinter den Wünschen der Kinder (und der Erwachsenen) zu entdecken und zu verstehen, was jeder einzelne wirklich braucht. Und dann heißt es, Bedürfnisse miteinander abzuwägen und nach „Wegen des UNDens“ zu suchen, so dass möglichst viel von meinen Bedürfnissen UND von den Bedürfnissen der anderen befriedigt werden können. — Ich möchte nicht gehauen werden, aber ich sehe, dass mein Kind gerade viel Wut hat und diese gern körperlich abbauen möchte. Vielleicht kann ich ihm einen Haufen Kissen anbieten, an denen er sich abreagieren kann? Oder wir gehen nach draußen und rennen eine Runde ums Dorf? Oder wir kampeln und schaffen einen Rahmen, in dem es in Ordnung ist, Kraft raus zu lassen?

Bedürfnisorientiert mit einander zu leben, heißt nämlich auch, flexibel im Kopf zu bleiben, gemeinsam kreativ zu werden und nach neuen Lösungen zu suchen, die für ALLE stimmig sind. Und dies wiederum setzt voraus, sich innerlich zu verabschieden von diesem Machtgefälle, bei dem Kinder allein deswegen weniger Mitspracherecht haben, weil sie kleiner und von uns abhängig sind. Und stattdessen Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, gleichwürdig.

Ein bedürfnisorientierter Familienalltag ist herausfordernd und manchmal auch ziemlich anstrengend, weil er dich mit deinen Ängsten und Unzulänglichkeiten konfrontiert. Es gibt gute Tage und es gibt Tage, da möchtest Du am liebsten alles hinschmeißen und lieber wieder in deine alten Muster verfallen. — Es bedeutet auch lebenslanges Lernen, viel Selbstreflexion und vor allem Vertrauen. Aber es ist das größte Geschenk, dass dir dein Mama-Sein (und natürlich auch dein Papa-Sein) machen kann. Und das Du deinem Kind machen kannst.

 

Habe ich dich neugierig gemacht, hast Du Fragen oder Anregungen? Sagt dir dein Bauch, dass ich genau die richtige Fotografin für dich sein könnte oder einfach genau die Mama, mit der Du mal einen Kaffee trinken möchtest? Dann freue ich mich riesig auf deine Nachricht über das Kontaktformular, per Mail an hallo@allesbeginntmitdir.de sowie via WhatsApp und Telegram oder ― ganz altmodisch ― übers Telefon unter 0151 65105246.

 
Mama-LebenKarolin Rögner